Glasfassaden, Dachterrassen, Wohnungen, die teils mehr als eine Million Euro kosten – und ein paar Meter weiter Wohnmobile, in denen Menschen leben, und Zelte am Rand der Grünflächen. Wer an diesem Dienstag, dem 27. Oktober 2026, durch Nou Llevant läuft, sieht beides gleichzeitig. Im Gebiet rund um die Avinguda Mèxic, unweit des Gebäudes des Diario de Mallorca, stehen mehrere ältere Wohnmobile und Vans am Straßenrand und auf Parkflächen, direkt vor den neuen Wohnanlagen.

Was ist Nou Llevant?

Nou Llevant liegt im Osten Palmas zwischen der Altstadt und der Küste von Portixol und Es Molinar, begrenzt von der Ringautobahn Vía de Cintura und der Flughafenautobahn. Früher war es ein Arbeiterviertel mit Wohnblocks aus den späten 1970er- und 1980er-Jahren. Seit einigen Jahren gehört es zu den Vierteln Palmas mit dem stärksten Bevölkerungs- und Immobilienwachstum: Entlang der Avinguda Mèxic entstehen neue Wohnanlagen, und Projekte wie die Palma Culture & Innovation Bay sollen das Gebiet zum Wirtschafts- und Kulturstandort machen. Das berichtet Última Hora.

Trotzdem fehlen laut Última Hora noch einfache Dinge wie eine Apotheke oder Bankfilialen. Gleich nebenan liegt La Soledat, das Última Hora zu den sozialen Brennpunkten Palmas zählt.

Der Kontrast heute: Wohnmobile und Zelte vor Luxus-Neubauten

Mehrere geparkte Wohnmobile und Vans in Nou Llevant, im Hintergrund das Gebäude des Diario de Mallorca und das Meer

Unsere Fotos von heute zeigen keine Einzelfälle: Mehrere Wohnmobile stehen dicht beieinander, einige sichtbar älter und dauerhaft abgestellt. Ob in jedem Fahrzeug jemand wohnt, lässt sich von außen nicht sagen. Die lokale Presse beschreibt das Bild aber seit Monaten. Laut Última Hora vom Dezember 2025 gehören Wohnmobile von der Avinguda Mèxic bis in die Nebenstraßen „inzwischen zum Bild des Viertels“. Am 26. Oktober 2026 schrieb die Zeitung, dass in den Straßen Wohnmobile stehen, in denen Menschen leben, die sich keine Wohnung und keine Miete leisten können.

Dazu kommen die Zelte. Am Ende der Avinguda Mèxic gibt es laut Última Hora vom Juni 2026 ein Lager obdachloser Menschen in einer Grünanlage. Es wächst langsam und liegt nur wenige Meter von neuen Luxuswohnungen entfernt. Ein größeres Lager, in dem Dutzende Menschen leben, befindet sich auf einer Verkehrsinsel, die nur über eine Abfahrt zwischen Vía de Cintura und Flughafenautobahn erreichbar ist. Schon im September 2024 berichtete OKDiario über ein Zeltlager über die Holzbrücke zwischen Avinguda Mèxic und Carrer Bogotà. Ein Bewohner sagte dort: „Ich lebe hier, weil ich die Miete nicht zahlen kann.“

Wohnmobile auf einem Parkplatz an einer Fußgängerbrücke in Nou Llevant

Auch die Nachbarn der neuen Anlagen melden sich zu Wort. Die Eigentümergemeinschaft Jardins de Llevant beschwerte sich im Juli 2026 im Diario de Mallorca über sich ausbreitende Lager auf ungepflegten Grundstücken, über Feuerstellen und über Wohnmobile, die seit mehr als einem Monat an derselben Stelle im Carrer Brotad stehen. Die Gemeinschaft fordert, dass die Stadt die Grundstücke einzäunt und reinigt. Außerdem werden laut Última Hora vom 26. Oktober 2026 einige Brachflächen als illegale Bauschuttdeponie genutzt.

Warum Menschen im Wohnmobil leben

Der Grund ist vor allem der Preis. Palmas Mieten haben 2026 einen Rekord erreicht; die Zahlen dazu und die Viertel, in denen es noch günstiger ist, stehen in unserem Überblick zu den Mietpreisen in Palma 2026.

Die erste Studie in Spanien zu diesem Thema kam von der Universität der Balearen (UIB). Im Juni und Juli 2024 zählten Forscher um den Geografen Jesús M. González in Palma 150 Wohnmobile, von denen etwa 80 als feste Wohnung dienten. Das Ergebnis: Wer dort wohnt, ist meist berufstätig, oft mit festem Job im Tourismus- oder Dienstleistungssektor. Die Hälfte verdient zwischen 1.000 und 1.500 Euro im Monat, 43 Prozent weniger als 1.000 Euro. Fast drei von vier Befragten würden ausziehen, wenn sie eine bezahlbare Wohnung fänden. 64 Prozent haben die Wohnungssuche aufgegeben. Die Forscher sprechen von einem strukturellen Problem: Die Wohnmobil-Siedlungen „sind gekommen, um zu bleiben“.

Bemerkenswert für Nou Llevant: Die Studie fand dort im Sommer 2024 kein einziges bewohntes Wohnmobil. Die größten Ansammlungen standen damals in Son Hugo, Son Güells, Ciutat Jardí und La Vileta. Die Presseberichte von 2025 und 2026 und unsere Beobachtung von heute zeigen, dass sich das Phänomen seitdem auch in diesen Teil der Stadt ausgebreitet hat. Eine neue offizielle Zählung für Nou Llevant gibt es nicht.

Wie viele Menschen in Palma insgesamt prekär wohnen, ist umstritten. Bürgermeister Jaime Martínez sprach Anfang 2025 von 5.000 Wohnwagen in der Stadt. González widersprach in Última Hora: Es gebe höchstens ein halbes Hundert einzeln abgestellte Fahrzeuge zusätzlich zu den 150 gezählten. Rechne man aber Menschen in Hütten, Behelfsunterkünften und Autos dazu, könnten es in Palma insgesamt durchaus 5.000 Menschen sein.

Was die Stadt erlaubt

Palmas Bürgerverordnung (Ordenanza cívica) wurde im April 2025 endgültig verabschiedet. Zunächst sollte das Wohnen im Wohnmobil bestraft werden, nach Kritik wurde der Entwurf geändert. Laut Europa Press, EFE und El País gilt nun: Schlafen im Wohnmobil ist erlaubt, aber das Fahrzeug darf höchstens zehn Tage am selben Ort stehen. Markisen, Stützen, Tische und Stühle dürfen nicht nach außen gestellt werden, und es darf weder Lärm noch Gerüche oder Flüssigkeiten geben.

Überblick über einen Parkplatz mit Wohnmobilen zwischen Bäumen in Nou Llevant

Was das für Residenten und Besucher bedeutet

Wer von Portixol oder Es Molinar stadteinwärts spaziert oder radelt, kommt fast zwangsläufig durch Nou Llevant. Das Viertel zeigt auf wenigen Hundert Metern, was die Wohnungsnot auf Mallorca bedeutet: Hier wird für Käufer mit viel Geld gebaut, während Menschen mit normalem Job keine Miete mehr finden. Die Menschen in den Wohnmobilen und Zelten sind Nachbarn und keine Fotomotive. Wir haben deshalb bewusst niemanden fotografiert und Kennzeichen unkenntlich gemacht. Wer helfen möchte, kann sich an soziale Einrichtungen in Palma wenden, statt Lager aufzusuchen.

FAQ: Nou Llevant und Wohnmobile in Palma

Wo liegt Nou Llevant? Im Osten Palmas zwischen Altstadt, Es Molinar/Portixol und der Vía de Cintura. Die Hauptachse ist die Avinguda Mèxic. Nach Portixol am Meer sind es nur wenige Minuten zu Fuß.

Warum stehen in Nou Llevant so viele Wohnmobile? Laut Presseberichten leben darin unter anderem Menschen, die sich keine Wohnung leisten können. Die UIB-Studie zeigt: Die meisten Bewohner von Wohnmobilen in Palma arbeiten, verdienen aber zu wenig für die aktuellen Mieten.

Dürfen Wohnmobile in Palma dauerhaft parken? Nein. Nach der Ordenanza cívica von 2025 dürfen sie höchstens zehn Tage am selben Ort stehen. Im Fahrzeug zu schlafen ist erlaubt, Möbel oder Markisen nach außen zu stellen nicht.

Wie viele Menschen leben in Palma in Wohnmobilen? Die UIB zählte im Sommer 2024 150 Wohnmobile, etwa 80 davon dauerhaft bewohnt. Neuere amtliche Zahlen gibt es nicht. Die 5.000 Fahrzeuge, von denen der Bürgermeister sprach, werden von den Forschern bestritten.

Ist Nou Llevant unsicher? Nou Llevant ist ein normales Wohnviertel mit Parks und Fußwegen. Anwohner beklagen vor allem verwahrloste Brachflächen, illegalen Müll und nächtliche Autorennen auf der Avinguda Mèxic (Diario de Mallorca, Juli 2026).